Positivität mit Substanz

Exklusiver Bonus: Wenn dein Nervensystem anders arbeitet – ADHS, Autismus, Psychosen und Persönlichkeitsstörungen

Wichtiger Hinweis vorab

Dieser Bonus-Content richtet sich an Leserinnen und Leser, deren Nervensystem und Wahrnehmungsverarbeitung anders funktionieren als bei der Mehrheit der Menschen. Die im Buch beschriebenen Konzepte und Übungen lassen sich für diese Erfahrungswelten anpassen – dieser Text zeigt dir, wie. Bitte beachte: Diese Informationen ersetzen keine professionelle Diagnostik oder Behandlung. Wenn du unter einer der genannten Diagnosen leidest oder eine Abklärung vermutest, wende dich an eine qualifizierte Fachperson.

Einleitung

Wie im Buch beschrieben, steht der Kompass für unsere Aufmerksamkeit – jenes Zusammenspiel aus Hirnnetzwerken, das entscheidet, was von der Flut der Sinneseindrücke überhaupt in unser Bewusstsein gelangt. Bei manchen Menschen arbeitet dieser Pförtner spürbar anders. Das ist keine Fehlfunktion, sondern eine andere Art der Verarbeitung – mit eigenen Herausforderungen und eigenen Stärken.

1. Deep Dive: Ein anderer Filter und ein instabiler Rumpf

Wenn wir das Bild unseres Lebensschiffs betrachten, stossen wir bei den genannten Diagnosen auf zwei besondere Phänomene: ein abweichend arbeitendes Filtersystem auf der Brücke und eine Instabilität tief unten im Schiff.

ADHS und Autismus: Der Pförtner filtert anders

Bei ADHS wird in der Forschung häufig eine Dysregulation der Erregungssteuerung diskutiert. Aston-Jones und Cohen (2005) zeigten in ihrer einflussreichen Arbeit zum Locus-coeruleus-Noradrenalin-System, dass unsere Aufmerksamkeit von einem fein austarierten Gleichgewicht zwischen zu wenig und zu viel neuronaler Erregung abhängt – beides stört die Fähigkeit, sich auf relevante Reize zu konzentrieren. Bei ADHS scheint dieses Gleichgewicht häufig in Richtung Unteraktivierung zu kippen, weshalb das Gehirn unbewusst nach starken, neuen Reizen sucht, um ein funktionales Erregungsniveau zu erreichen – leise, ruhige Momente kommen gegen dieses Bedürfnis oft schwer an.

Ergänzend zeigt die Forschung von Amy Arnsten (2009) an der Yale University, wie empfindlich der präfrontale Cortex – zuständig für unsere „Kapitänsfunktion" auf der Brücke, also für Aufmerksamkeitssteuerung und impulsives Verhalten – auf Stress und Erregungsschwankungen reagiert. Schon moderater, unkontrollierbarer Stress kann diese Steuerungsfähigkeit vorübergehend deutlich schwächen.

Bei Autismus zeigt sich häufig ein gegenteiliges Muster: eine erhöhte Reizempfindlichkeit, die dazu führt, dass mehr Sinneseindrücke gleichzeitig verarbeitet werden, statt gefiltert zu werden (Reizüberflutung). Die genauen neuronalen Mechanismen dahinter sind komplexer und Gegenstand laufender Forschung, als es die vereinfachte Rede vom „RAS als Filter" nahelegt – für unsere Zwecke reicht dieses Bild, um einen achtsamen Umgang mit der eigenen Reizverarbeitung zu entwickeln.

Psychose und Persönlichkeitsstörungen: Der instabile Rumpf

Bei psychotischen Episoden verliert der Pförtner die Fähigkeit zur Wichtigkeitsprüfung (Salienz) – irrelevante Reize wirken plötzlich bedrohlich und bedeutungsschwer. Bei Persönlichkeitsstörungen sind oft die tiefsten emotionalen Strukturen des Selbstbildes und der Beziehungsfähigkeit stark erschüttert. Hier brauchen wir ein neues Bild: In diesen Zuständen geht es nicht nur um den Kompass auf der Brücke. Das Schiff selbst hat einen instabilen Rumpf. Es schwankt heftig, droht Wasser zu ziehen oder bei der kleinsten Welle zu kentern. In einer solchen Phase ist es völlig sinnlos – und sogar gefährlich –, grosse Segel setzen zu wollen (z. B. durch Manifestation oder komplexe Zukunftsplanung). Das einzige Ziel in diesem Moment ist es, den Rumpf konstant zu stabilisieren.

2. Die wissenschaftliche Fundierung (Links & Quellen)

  • Gary Aston-Jones & Jonathan D. Cohen: Ihre Theorie zur adaptiven Verstärkung des Locus-coeruleus-Noradrenalin-Systems erklärt, wie unser Gehirn zwischen fokussierter Aufmerksamkeit und explorativer Reizsuche wechselt – ein Schlüsselkonzept, um Erregungsregulation bei ADHS zu verstehen. Link (Abstract): PubMed – Aston-Jones & Cohen, 2005

  • Amy Arnsten (Yale University): Ihre Forschung zeigt, wie empfindlich der präfrontale Cortex auf Stress und Erregungsschwankungen reagiert, und liefert die neurobiologische Grundlage für viele Beobachtungen bei ADHS. Link (Volltext, frei zugänglich): PMC – Arnsten, 2009

3. Dein Praxis-Fokus: Stabilisierung statt Optimierung

Wenn dein RAS anders arbeitet oder der Rumpf deines Bootes instabil ist, greifen klassische „Positivitäts-Tipps" ins Leere. Deine Praxis erfordert eine sanftere, körperorientierte Herangehensweise. Der Fokus liegt ganz auf den GEMS-Säulen Achtsamkeit (Erdung) und Selbstmitgefühl.

Folgende vier Anker helfen dir, den Rumpf zu stabilisieren:

A. Radikales Selbstmitgefühl (Der weiche Anker)

Wenn das System überlastet ist, meldet sich oft ein harter innerer Kritiker. Die wichtigste Haltung ist jetzt das Selbstmitgefühl (Self-Compassion). Wenn du im Nebel (ADHS), in der Reizüberflutung (Autismus) oder in tiefer Instabilität feststeckst, verurteile dich nicht dafür. Sage dir:

„Das ist gerade ein extrem schwieriger Moment für mein Nervensystem. Es ist eine neurobiologische oder psychische Reaktion, kein Charakterfehler. Ich darf jetzt schonend mit mir umgehen."

B. Erdungsübungen (Das Schiff im Hafen vertäuen)

Wenn der Verstand (der Sturm auf der Brücke) zu laut wird, musst du die Aufmerksamkeit in den Körper bringen, um den Rumpf zu stabilisieren.

Nutze die 5-4-3-2-1-Methode: Benenne 5 Dinge, die du siehst, 4, die du fühlst, 3, die du hörst, 2, die du riechst, und 1, die du schmeckst. Das zwingt dein Gehirn sanft ins sichere Hier und Jetzt zurück.

C. Die Eigenraumübung (Den Rumpf abdichten)

Wie in Kapitel 2 beschrieben, hilft dir der bewusste Aufbau deines Eigenraums, den Kontakt zu deinen Grenzen wiederherzustellen. Wenn alles um dich herum (oder in dir drinnen) chaotisch ist, spüre bewusst die physische Grenze deines Körpers. Stell dir eine unsichtbare Hülle vor, die dich umgibt und schützt. Diese Übung aktiviert den Inselcortex im Gehirn und signalisiert deinem System:

„Hier drinnen bin ich sicher. Nicht alles von aussen muss in mein Schiff eindringen."

D. Das innere Kind nähren (Die Mannschaft beruhigen)

Besonders bei Instabilitäten (wie Persönlichkeitsstörungen) ist das innere Kind unter Deck oft in panischer Angst. Versuche nicht, mit Argumenten gegen die Angst anzukämpfen. Setze dich stattdessen (in Gedanken) neben das verletzte, laute Mannschaftsmitglied. Gib ihm, was es jetzt am dringendsten braucht: Sicherheit und das Gefühl, nicht allein zu sein. Ein inneres „Ich bin da. Ich pass auf dich auf" stabilisiert das Boot von innen heraus viel stärker als jeder Versuch, krampfhaft „positiv" zu denken.