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Das RAS bei ADHS, Autismus und Psychose
Willkommen zu diesem speziellen Bonus-Bereich! Wir haben im Buch gelernt, wie das Retikuläre Aktivierungssystem (RAS) im Hirnstamm als unser "Tor zur Welt" fungiert und wie wir es durch unseren Fokus gewissermaßen auf unsere Ziele programmieren können. Doch dieses Tor steht nicht bei jedem Menschen gleich weit offen oder filtert nach den gleichen Regeln.
1. Deep Dive: Neurodivergenz und der Filter im Gehirn
Das Retikuläre Aktivierungssystem (RAS) ist unser wichtigster Filter. Es schützt uns vor Reizüberflutung und lenkt unsere Aufmerksamkeit. Doch was passiert, wenn dieser Filter eine abweichende Bauart hat?
ADHS: Der "unaufmerksame" Pförtner
Bei ADHS ist das RAS oft unteraktiv. Es sendet nicht genug "Wach-Signale" an das Großhirn.
Das Erleben: Man fühlt sich innerlich oft wie im Nebel oder unterstimuliert.
Die Reaktion: Um nicht "einzuschlafen", sucht das Gehirn händeringend nach extremen Reizen (Social Media, Adrenalin, Konflikte).
Positivitäts-Hürde: Leise, positive Momente kommen gegen das laute Rauschen der Umwelt nicht an.
Autismus: Der "überforderte" Pförtner
Hier ist das RAS oft hyperaktiv. Es lässt zu viele Details ungefiltert durch.
Das Erleben: Die Welt ist zu laut, zu hell, zu viel. Ein kratzendes Etikett im T-Shirt kann sich anfühlen wie ein Alarmfeuerwerk.
Die Reaktion: Rückzug und Routinen. Das Gehirn versucht, die Reizflut durch Vorhersehbarkeit zu bändigen.
Positivitäts-Hürde: Das System ist so im "Überlebensmodus", dass für bewusste Positivität oft keine Energie mehr bleibt.
Psychose: Der "halluzinierende" Pförtner
In einer psychotischen Episode verliert das RAS die Fähigkeit zur Salienz-Prüfung (Wichtigkeitsprüfung).
Das Erleben: Irrelevanten Mustern (ein Kennzeichen, ein Rauschen) wird plötzlich eine tiefe, oft bedrohliche Bedeutung beigemessen.
Die Reaktion: Das Gehirn baut eine eigene Logik (Wahn), um das Chaos der ungefilterten Eindrücke zu erklären.
Positivitäts-Hürde: Die Realitätsprüfung ist gestört; das "Gute" wird oft als Teil einer Verschwörung oder Bedrohung umgedeutet.
2. Die wissenschaftliche Fundierung (Links & Quellen)
Wenn du mehr darüber erfahren willst, wie Neurodivergenz und Wahrnehmung zusammenhängen, findest du hier fundierte externe Leitquellen:
ADHS & Dopamin-Mangel: Dr. Andrew Huberman (Huberman Lab) erklärt in seinen wissenschaftlichen Podcasts exzellent die Neurobiologie von ADHS und die Rolle der Unterstimulation. Link: https://www.hubermanlab.com/
Autismus & Reizüberflutung: Für ein tieferes Verständnis der Hyperreagibilität (Überempfindlichkeit) im autistischen Spektrum bietet der Bundesverband Autismus verlässliche Informationen. Link: https://www.autismus.de/
Psychose & "Aberrant Salience": Die Theorie der gestörten Salienz (Wichtigkeitsprüfung) von Dr. Shitij Kapur ist der psychiatrische Standard, um zu erklären, wie durch Dopamin-Fehlfunktionen aus alltäglichen Reizen plötzlich wahnhafte Bedrohungen werden.
3. Dein Praxis-Tipp: Radikales Selbstmitgefühl für das eigene Nervensystem
Wenn dein Gehirn neurodivergent arbeitet oder du psychisch stark belastet bist, greifen gut gemeinte "Fokussierungs-Tipps" oft zu kurz. Die wichtigste Haltung in diesem Moment ist das
Selbstmitgefühl (Self-Compassion) nach Kristin Neff
Gehe an schwierigen Tagen wie folgt vor:
Achtsame Wahrnehmung (Biologie anerkennen): Wenn du im Nebel (ADHS) oder in der Reizüberflutung (Autismus) feststeckst, sage dir: "Mein RAS ist gerade unterstimuliert/überlastet. Das ist ein neurobiologischer Zustand, kein Charakterfehler."
Gemeinsames Menschsein: Erinnere dich daran: "Hunderte Millionen neurodivergenter Menschen erleben die Welt ähnlich. Es ist okay, dass mein Filter anders arbeitet."
Selbstfreundlichkeit (Regulation statt Zwang): Statt dich zu zwingen "positiver zu denken", frage dein System: "Was brauchst du jetzt zur Regulation?" (Das kann bei ADHS ein intensiver Reiz wie laute Musik sein, bei Autismus der Rückzug in einen dunklen Raum mit Gewichtsdecke).